Grundprinzip: Immobilienwert + übriger Nachlass − Freibetrag
Diese Seite behandelt die Steuer auf das Erben. Verkaufen Sie die Immobilie anschließend, kommt eine zweite, völlig andere Steuer ins Spiel — die Spekulationssteuer bei der geerbten Immobilie. Sie hängt am Kaufdatum der verstorbenen Person und fällt in den meisten Erbfällen gar nicht an; verwechselt werden die beiden trotzdem ständig.
Die Immobilie geht mit ihrem Verkehrswert in Ihren Erwerb ein. Darauf wenden sich die normalen Regeln an: persönlicher Freibetrag nach Verwandtschaft (500.000 € Ehepartner, 400.000 € Kinder, …), dann Steuersatz nach Steuerklasse — alles im Erbschaftssteuer-Rechner. Was Immobilien besonders macht, sind drei Sonderregeln:
Regel 1: Das Familienheim kann komplett steuerfrei sein
Wohnte die verstorbene Person selbst in der Immobilie und ziehen Sie unverzüglich ein, bleibt der Erwerb steuerfrei (§ 13 Abs. 1 Nr. 4b/4c ErbStG):
- Ehe-/Lebenspartner: ohne Flächengrenze.
- Kinder: bis 200 m² Wohnfläche — der übersteigende Teil ist anteilig steuerpflichtig.
Regel 2: Vermietete Wohnimmobilien — 90-%-Ansatz
Zu Wohnzwecken vermietete Objekte werden nur mit 90 % ihres Werts angesetzt (§ 13d ErbStG). Bei einer vermieteten Wohnung mit 300.000 € Verkehrswert zählen also 270.000 € — die 30.000 € Differenz bleiben unversteuert, zusätzlich zum persönlichen Freibetrag. Die Begünstigung ist aber enger, als „vermietet" klingt: Sie gilt nur für Vermietung zu Wohnzwecken (§ 13d Abs. 3 Nr. 1) und nicht für Grundstücke, die zum begünstigten Betriebsvermögen oder zu einem Betrieb der Land- und Forstwirtschaft gehören (Nr. 3). Die geerbte Gewerbeeinheit und das verpachtete Ladenlokal fallen heraus.
Regel 3: Stundung, wenn nur das Haus da ist
Gehört zum Erwerb Grundbesitz, der zu Wohnzwecken genutzt wird, und könnten Sie die Steuer nur durch dessen Veräußerung aufbringen, ist die darauf entfallende Steuer auf Antrag bis zu zehn Jahre zu stunden (§ 28 Abs. 3 Satz 1 ErbStG) — beim Erwerb von Todes wegen zinslos (Satz 3). Drei Punkte, die dabei regelmäßig untergehen:
- Es ist kein Ermessen. Der Normtext sagt „ist … zu stunden", nicht „kann gestundet werden". Liegen die Voraussetzungen vor, haben Sie einen Anspruch — den Antrag müssen Sie allerdings selbst stellen.
- Es geht um Ihre Zahlungsfähigkeit, nicht um die Zusammensetzung des Nachlasses. Maßgeblich ist, ob Sie die Steuer nur durch Verkauf dieses Vermögens aufbringen können. Nennenswertes eigenes Vermögen schließt die Stundung insoweit aus.
- Vermietetes zählt mit. „Zu Wohnzwecken genutzt" meint nicht nur selbstbewohnt — gerade bei vermieteten Wohnungen ist die Stundung praktisch wichtig, weil dort anders als beim Familienheim regelmäßig Steuer anfällt.
Wenn das Finanzamt zu hoch bewertet
Die pauschalierten Bewertungsverfahren des BewG treffen nicht jedes Objekt: Sanierungsstau, ungünstiger Schnitt oder Lagebesonderheiten drücken den echten Wert. Dann erlaubt § 198 BewG den Nachweis des niedrigeren gemeinen Werts per Gutachten eines qualifizierten Sachverständigen — oder durch einen tatsächlichen Verkaufspreis aus dem Jahr vor oder nach dem Stichtag. Ob sich das Gutachten (typisch einige tausend Euro) lohnt, ist eine einfache Rechnung gegen die Steuerersparnis. Welche Gutachten das Finanzamt akzeptiert und gegen welchen Bescheid der Einspruch geht: Grundbesitzwert prüfen und senken.
Die Zahl vor allen Regeln: wie der Grundbesitzwert entsteht
Familienheim-Befreiung, 90-%-Ansatz und Stundung setzen alle an einem Wert an, den nicht Sie bestimmen. Um dieselbe Immobilie kreisen dabei drei verschiedene Zahlen, und nur eine davon ist die für die Erbschaftssteuer maßgebliche:
- Grundbesitzwert — zählt für die Erbschaftssteuer. Das Finanzamt stellt ihn in einem eigenen Bescheid gesondert fest (§ 151 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 BewG), und zwar nicht das Erbschaftsteuer-Finanzamt, sondern das, in dessen Bezirk das Grundstück liegt (§ 152 Nr. 1 BewG).
- Verkehrswert — zählt beim Pflichtteil, bei der Auseinandersetzung unter Miterben und bei jeder Abfindung. Ihn ermittelt ein Sachverständiger oder der Gutachterausschuss für Ihr konkretes Objekt: welcher Wert wofür gilt und wer ihn feststellen darf.
- Marktpreis — der Preis, den am Ende jemand tatsächlich zahlt.
Der Grundbesitzwert entsteht in einem typisierten Massenverfahren nach §§ 182–196 BewG, das Ihr Objekt nie gesehen hat. Welches der drei Verfahren angewendet wird, hängt an der Grundstücksart (§ 182 BewG): das Vergleichswertverfahren bei Eigentumswohnungen sowie Ein- und Zweifamilienhäusern, vorrangig anhand der Vergleichspreise der Gutachterausschüsse (§ 183 BewG); das Ertragswertverfahren bei Mietwohn-, Geschäfts- und gemischt genutzten Grundstücken mit üblicher Miete (§§ 184–188 BewG); das Sachwertverfahren bei Häusern ohne Vergleichswert (§§ 189–191 BewG). Der letzte Fall ist der unangenehme: Liegen dem Gutachterausschuss keine Vergleichspreise vor — in ländlichen Regionen der Normalfall —, rechnet die Bewertung mit typisierten Herstellungskosten statt mit dem, was das Haus vor Ort einbringen würde. Maßgebend ist dabei immer der Todestag (§ 11 ErbStG, § 9 Abs. 1 Nr. 1 ErbStG).
Und der Fehler, der am meisten kostet, ist ein Adressierungsfehler: Der Wert wird im Feststellungsbescheid angegriffen, nicht im späteren Erbschaftsteuerbescheid. Der Feststellungsbescheid ist ein Grundlagenbescheid — wird er bestandskräftig, ist der Wert auch für die Steuer festgeschrieben, und ein Einspruch gegen den Steuerbescheid mit der Begründung „der Wert ist zu hoch" geht ins Leere. Die Einspruchsfrist beträgt einen Monat ab Bekanntgabe; ist das Gutachten bis dahin nicht fertig, legen Sie fristwahrend Einspruch ein und reichen die Begründung nach.
Beispielrechnung
| Position | Kind erbt vermietete Wohnung |
|---|---|
| Verkehrswert | 550.000 € |
| Ansatz 90 % (§ 13d ErbStG) | 495.000 € |
| − Freibetrag Kind (§ 16 ErbStG) | 400.000 € |
| − Erbfallkostenpauschale | 15.000 € |
| Steuerpflichtiger Erwerb | 80.000 € |
| Tarif Klasse I bei 80.000 € (11 %) | 8.800 € |
| Steuer nach Härteausgleich (§ 19 Abs. 3 ErbStG) | 7.750 € |
Der Erwerb liegt hier nur knapp über der Wertgrenze von 75.000 €, ab der die Klasse I von 7 auf 11 % springt. Deshalb greift der Härteausgleich: Erhoben werden 5.250 € (75.000 € × 7 %) plus die Hälfte des übersteigenden Betrags (5.000 € × 50 % = 2.500 €) — zusammen 7.750 € statt 8.800 € (§ 19 Abs. 3 ErbStG).
Rechnerisches Beispiel ohne weitere Nachlasswerte und Befreiungen — Ihre eigene Konstellation: in den Rechner eingeben. Verbindlich rechnet das Finanzamt bzw. Ihre Steuerberatung.
Häufige Fragen
Wie wird eine geerbte Immobilie für die Erbschaftssteuer bewertet?
Wann ist das Familienheim steuerfrei?
Was bedeutet die 90-%-Regel für vermietete Wohnungen?
Ich kann die Steuer nicht zahlen, ohne das Haus zu verkaufen — was nun?
Wir sind mehrere Erben — ein Geschwisterteil übernimmt die Immobilie. Was wird aus der Begünstigung?
Zählt eine geerbte Immobilie zum Freibetrag dazu?
Kommt zusätzlich Grunderwerbsteuer auf mich zu?
Welcher Stichtag zählt für den Wert der Immobilie?
Muss ich den Erwerb dem Finanzamt anzeigen, wenn eine Immobilie dabei ist?
Beide Elternteile sterben innerhalb eines Jahres — wird die Immobilie zweimal bewertet?
Ich habe Erbschaftssteuer gezahlt und verkaufe später mit Gewinn — zahle ich doppelt?
- Rechtsgrundlage: §§ 9, 11, 13, 13d, 28 Abs. 3, 19 Abs. 3, 30 ErbStG, §§ 151–153, 182–198 BewG, § 35b EStG, § 3 GrEStG — alle Beträge und Quoten für 2026 gegen den Gesetzestext geprüft
- § 13 ErbStG im Wortlaut
- § 13d ErbStG im Wortlaut
- § 28 ErbStG im Wortlaut
- § 30 ErbStG im Wortlaut
- § 151 BewG im Wortlaut
- § 152 BewG – örtliche Zuständigkeit
- § 153 BewG – Feststellungserklärung
- § 182 BewG im Wortlaut
- § 198 BewG im Wortlaut
- § 35b EStG im Wortlaut
- Bürgerliches Gesetzbuch — Erbrecht im Wortlaut (gesetze-im-internet.de)
- Erbschaftsteuer- und Schenkungsteuergesetz im Wortlaut