Das Ordnungssystem: Näher schlägt ferner
Das BGB teilt die Verwandtschaft in Ordnungen. Die Logik ist streng: Solange in einer näheren Ordnung auch nur eine Person lebt, gehen alle ferneren Ordnungen komplett leer aus (§ 1930 BGB).
Grundregel: Lebt in einer Ordnung auch nur eine Person, gehen alle späteren Ordnungen leer aus (§ 1930 BGB).
- 1. Ordnung (§ 1924): Kinder — und an Stelle verstorbener Kinder deren Nachkommen. Adoptierte und nichteheliche Kinder sind voll gleichgestellt; Stief- und Pflegekinder erben gesetzlich nicht.
- 2. Ordnung (§ 1925): Eltern; an Stelle eines verstorbenen Elternteils dessen Abkömmlinge — also Geschwister und Nichten/Neffen.
- 3. Ordnung (§ 1926): Großeltern, danach Onkel, Tanten, Cousins.
- Zuletzt der Staat (§ 1936): erbt nur, wenn sich niemand findet.
Erbfolge nach Stämmen: Der Enkel-Fall
Innerhalb der ersten Ordnung wird nach Stämmen geteilt: Jedes Kind begründet einen Stamm. Lebt das Kind, bekommt es den Stamm-Anteil allein und seine eigenen Kinder gehen leer aus. Ist es vorverstorben, teilen sich seine Kinder genau diesen Anteil.
Das Ehegattenerbrecht: die Quote neben den Verwandten
Der Ehe- oder eingetragene Lebenspartner ist kein Verwandter — er erbt nach einer eigenen Regel (§ 1931 BGB) neben der jeweils berufenen Ordnung:
| Neben wem? | Grundquote | + Zugewinn-Viertel* |
|---|---|---|
| Kindern/Enkeln (1. Ordnung) | 1/4 | 1/2 |
| Eltern/Geschwistern (2. Ordnung) oder Großeltern | 1/2 | 3/4 |
| keine 1./2. Ordnung, keine Großeltern | alles | |
* im gesetzlichen Güterstand der Zugewinngemeinschaft (§ 1371 Abs. 1 BGB). Bei Gütertrennung gilt neben 1–2 Kindern stattdessen die Kopfteil-Regel (§ 1931 Abs. 4). Dazu kommt der „Voraus": Hausrat und Hochzeitsgeschenke (§ 1932 BGB).
Der Güterstand: dieselbe Familie, andere Quote
Die Tabelle oben gilt für den Normalfall — die Zugewinngemeinschaft, und die gilt immer, wenn kein Ehevertrag geschlossen wurde. Gibt es einen, verschiebt er die Quote des Ehepartners und damit die aller Kinder mit:
| Güterstand | Ehepartner neben Kindern | Was dahintersteckt |
|---|---|---|
| Zugewinngemeinschaft (ohne Ehevertrag) | 1/2 | 1/4 Grundquote + pauschal 1/4 Zugewinn (§ 1371 Abs. 1) |
| Gütertrennung | 1/2 · 1/3 · 1/4 | Kopfteil-Regel: neben 1 Kind 1/2, neben 2 Kindern 1/3, ab 3 Kindern 1/4 (§ 1931 Abs. 4) |
| Gütergemeinschaft | 1/4 | keine pauschale Erhöhung — der Nachlass besteht aber nur aus dem hälftigen Anteil am Gesamtgut |
Der Voraus: was neben der Quote noch an den Partner geht
Neben seinem Erbteil erhält der Ehe- oder eingetragene Lebenspartner den Hausrat und die Hochzeitsgeschenke vorab (§ 1932 BGB). Das steht in keiner Quotentabelle und fällt oft erst beim Räumen der Wohnung auf.
Für Kinder hat das eine Folge, die leicht übersehen wird: Bei der Berechnung des Pflichtteils eines Abkömmlings — und ebenso der Eltern — bleibt der dem überlebenden Ehegatten gebührende Voraus außer Ansatz (§ 2311 Abs. 1 Satz 2 BGB). Der Hausrat, den der Partner vorab erhält, mindert also die Bemessungsgrundlage des Pflichtteils. Und umgekehrt: Ist das Ehegattenerbrecht nach § 1933 BGB ausgeschlossen, fällt der Voraus mit weg — die Vorschrift nennt ihn im Wortlaut ausdrücklich neben dem Erbrecht.
Wenn die gesetzliche Quote gar nicht zum Zug kommt
Die Quoten oben sind der Ausgangspunkt, nicht immer das Ergebnis. Zwei Wege führen davon weg, und in beiden rechnet man anders:
- Enterbung — der kleine Pflichtteil. Setzt ein Testament den Ehepartner auf null, bleibt ihm der Pflichtteil. Der bemisst sich dann aber nicht nach der um das Zugewinn-Viertel erhöhten Quote, sondern nach der unerhöhten — neben Kindern also 1/8 statt 1/4 —, plus dem konkret berechneten Zugewinnausgleich nach § 1371 Abs. 2 BGB. Das kann mehr oder weniger sein als der pauschale Weg und ist nur anwaltlich verlässlich zu rechnen.
- Ausschlagung — beides nebeneinander. Schlägt der Ehepartner im gesetzlichen Güterstand die Erbschaft aus, kann er Zugewinnausgleich und Pflichtteil nebeneinander verlangen (§ 1371 Abs. 3 BGB). Das rechnet sich nur bei hohem Zugewinn — und gar nicht, wenn auf Erbteil oder Pflichtteil vertraglich verzichtet wurde (§ 1371 Abs. 3 Halbsatz 2).
Überschlagen lässt sich der Anspruch mit dem Pflichtteils-Rechner; die Ausschlagung selbst hat eine Frist von sechs Wochen und eigene Fallen: Erbe ausschlagen.
Was die Erbfolge praktisch auslöst
Die Quote ist nur der Bruch. Sobald er feststeht, laufen drei Dinge an, an denen sich entscheidet, was am Ende wirklich ankommt:
- Das Eigentum ist längst übergegangen. Mit dem Tod geht das Vermögen von selbst auf die Erben über (§ 1922 BGB) — ohne Vertrag, ohne Antrag, ohne Notar. Im Grundbuch steht danach aber weiter die verstorbene Person; es ist damit unrichtig. Die Berichtigung ist zwei Jahre lang gebührenfrei, gerechnet ab dem Todestag.
- Ohne Testament brauchen Sie in der Regel den Erbschein. § 35 GBO lässt dem Grundbuchamt statt des Erbscheins eine Verfügung von Todes wegen in öffentlicher Urkunde genügen — genau die gibt es bei gesetzlicher Erbfolge nicht. Bleibt der Erbschein oder ein Europäisches Nachlasszeugnis, fällig sobald Immobilien oder größere Konten umgeschrieben werden. Was das kostet und welche Gebühr sich sparen lässt: Erbschein-Kosten.
- Mehrere Erben sind erst einmal eine Erbengemeinschaft. Ein Haus gehört dann allen gemeinsam und niemandem allein; Verkauf, Vermietung und Auszahlung einzelner Miterben müssen gemeinsam entschieden werden. Die Wege daraus sortiert der Erbengemeinschafts-Lotse.
Der Sonderfall, der die Ehegattenquote auf null setzt (§ 1933 BGB)
Eine Vorschrift entscheidet häufiger über die Quote, als die Tabelle oben vermuten lässt:
Es kommt also nicht darauf an, ob die Scheidung schon ausgesprochen war — es genügt, dass die Voraussetzungen vorlagen und der Verstorbene den Antrag gestellt oder ihm zugestimmt hatte. Umgekehrt reicht bloßes Getrenntleben nicht: Ohne Antrag oder Zustimmung bleibt das volle gesetzliche Erbrecht bestehen, auch nach Jahren getrennter Wohnungen. Dasselbe gilt, wenn der Erblasser zur Beantragung der Aufhebung der Ehe berechtigt war und den Antrag gestellt hatte (Satz 2).
An die Stelle des Erbrechts tritt der Unterhaltsanspruch: Der überlebende Ehegatte ist in diesen Fällen nach Maßgabe der §§ 1569 bis 1586b BGB unterhaltsberechtigt (Satz 3). Weil der Pflichtteil ein gesetzliches Erbrecht voraussetzt, ist auch er in dieser Konstellation regelmäßig weg — was genau in Ihrem Fall gilt, gehört wegen der Tragweite anwaltlich geprüft und nicht in einen Rechner.
Häufige Irrtümer, die teuer werden
- „Mein Partner erbt automatisch alles." Nein — neben Kindern nur die Hälfte, neben Ihren Eltern drei Viertel. Wer dem Partner mehr zukommen lassen will, braucht ein Testament.
- „Wir leben getrennt, also erbt sie nichts." Doch — solange kein Scheidungsantrag gestellt oder ihm zugestimmt wurde, erbt der Ehegatte voll (§ 1933 BGB im Umkehrschluss). Das ist der teuerste Irrtum der ganzen Liste.
- „Unverheiratete Partner erben wie Eheleute." Nein — ohne Trauschein gibt es kein gesetzliches Erbrecht und nur 20.000 € Steuerfreibetrag.
- „Die Erben können sich Zeit lassen." Die Fristen laufen sofort: 6 Wochen Ausschlagung, 3 Monate Finanzamt-Anzeige.
- „Mehrere Erben teilen einfach auf." Sie bilden erst einmal eine Erbengemeinschaft — bei Immobilien der häufigste Streitherd.
Häufige Fragen
Wann gilt die gesetzliche Erbfolge?
Wer erbt zuerst?
Was erben Geschwister?
Erbt der Staat, wenn es keine Verwandten gibt?
Kann ich die gesetzliche Erbfolge ändern?
Was ändert Gütertrennung an der Quote des Ehepartners?
Was ist der „Voraus" des Ehepartners?
Mehrere Erben, ein Haus im Nachlass — was passiert damit?
Gilt deutsche Erbfolge auch bei Wohnsitz im Ausland?
- Rechtsgrundlage: §§ 1924–1936, 1371 BGB — alle Beträge und Quoten für 2026 gegen den Gesetzestext geprüft
- § 1924 BGB im Wortlaut
- § 1931 BGB im Wortlaut
- § 1932 BGB – Voraus des Ehegatten
- § 1933 BGB – Ausschluss des Ehegattenerbrechts
- § 1371 BGB – Zugewinnausgleich im Todesfall
- § 2311 BGB – Bemessung des Pflichtteils
- Bürgerliches Gesetzbuch — Erbrecht im Wortlaut (gesetze-im-internet.de)
- Erbschaftsteuer- und Schenkungsteuergesetz im Wortlaut