Was die Teilungsversteigerung ist
Eine Immobilie lässt sich nicht in drei Teile sägen. Wenn sich eine Erbengemeinschaft nicht einigt, ersetzt das Gesetz die Einigung durch ein Verfahren: Die Teilungsversteigerung (§§ 180 ff. ZVG) verwandelt die unteilbare Immobilie in teilbares Geld. Beantragen kann sie jeder Miterbe allein — sie ist damit das Druckmittel hinter jeder Verhandlung in der Erbengemeinschaft.
Der Ablauf in sechs Schritten
- Antrag beim Amtsgericht (Belegenheitsort) mit Nachweis der Miterbenstellung (Erbschein oder eröffnetes notarielles Testament). Ein vollstreckbarer Titel ist nicht nötig, und das Grundbuch muss noch nicht berichtigt sein — es genügt, Erbe eines eingetragenen Eigentümers zu sein (§ 181 Abs. 1 und 2 ZVG).
- Anordnungsbeschluss — die übrigen Miterben werden beteiligt. Ihr schärfstes Mittel: die einstweilige Einstellung für bis zu sechs Monate, wenn sie bei Abwägung der Interessen angemessen erscheint, und die ist einmal wiederholbar (§ 180 Abs. 2 ZVG). Wer als Antragsteller mit einem zügigen Verfahren rechnet, sollte ein Jahr Verzögerung einkalkulieren.
- Verkehrswertgutachten durch einen gerichtlich bestellten Sachverständigen. Nicht zu verwechseln mit dem Grundbesitzwert des Finanzamts, der die Erbschaftssteuer bestimmt und ganz anders entsteht.
- Versteigerungstermin mit öffentlicher Bekanntmachung — jeder darf bieten, auch Miterben.
- Zuschlag an den Höchstbietenden — im ersten Termin begrenzt durch die 5/10- und die 7/10-Grenze, im zweiten Termin nicht mehr (siehe unten).
- Erlösverteilung: Der Erlös fällt in den Nachlass; verteilt wird nach Erbquoten — bei Streit wird hinterlegt. Steuerlich ist der Zuschlag ein Verkauf wie jeder andere: Ob darauf Spekulationssteuer bei der geerbten Immobilie anfällt, entscheidet das Kaufdatum der verstorbenen Person, nicht der Erbfall.
Die zwei Schutzgrenzen — und der Termin, an dem beide wegfallen
„Das Haus kann doch nicht für einen Spottpreis weggehen" — im ersten Termin stimmt das. Zwei Vorschriften schützen den Wert, und sie funktionieren unterschiedlich:
| Grenze | Norm | Wie sie wirkt |
|---|---|---|
| 5/10 (die Hälfte) | § 85a Abs. 1 ZVG | Von Amts wegen. Erreicht das Meistgebot einschließlich des Kapitalwerts der bestehenbleibenden Rechte nicht die Hälfte des Grundstückswerts, ist der Zuschlag zu versagen. Niemand muss etwas beantragen. |
| 7/10 | § 74a Abs. 1 ZVG | Nur auf Antrag — und nur von einem Berechtigten, dessen Anspruch durch das Meistgebot nicht gedeckt ist, bei 7/10 aber voraussichtlich gedeckt wäre. Der Antrag ist bis zum Schluss der Verhandlung über den Zuschlag zu stellen (Abs. 2). |
Wird der Zuschlag nach § 74a versagt, bestimmt das Gericht von Amts wegen einen neuen Termin; dazwischen sollen mindestens drei und dürfen höchstens sechs Monate liegen (§ 74a Abs. 3). Wer also hofft, der erste Termin gehe schlecht aus und man habe danach mehr Zeit zum Verhandeln, hat drei bis sechs Monate — und danach keinen Schutz mehr.
Zwei Feinheiten, die oft falsch wiedergegeben werden. Erstens: Gemessen wird nicht das Bargebot allein, sondern das Meistgebot plus den Kapitalwert der bestehenbleibenden Rechte — ein niedrig wirkendes Bargebot kann die Grenze also durchaus reißen. Zweitens: Wer die 7/10-Versagung beantragen darf, ist im Normtext eng gefasst („ein Berechtigter, dessen Anspruch … nicht gedeckt ist"), und nicht schlicht jeder Beteiligte. Ob ein Miterbe ohne eingetragenes Recht am Grundstück dazu zählt, sagt der Normtext nicht — das gehört vor dem Termin anwaltlich geklärt, nicht im Saal.
Was im geringsten Gebot steckt: die Grundschuld verschwindet nicht
Die teuerste Überraschung der Teilungsversteigerung steht in § 182 ZVG und fehlt in den meisten Darstellungen. Bei der Feststellung des geringsten Gebots sind
- die den Anteil des Antragstellers belastenden oder mitbelastenden Rechte am Grundstück und
- alle Rechte, die einem dieser Rechte vorgehen oder gleichstehen,
zu berücksichtigen (Abs. 1). Im Klartext: Eine noch eingetragene Grundschuld wird nicht aus dem Erlös abgelöst — sie bleibt bestehen und wird vom Ersteher übernommen. Das Bargebot, aus dem die Erbengemeinschaft ihr Geld bekommt, sinkt entsprechend. Bei 250.000 € Verkehrswert und einer alten Grundschuld über 120.000 € reden alle Beteiligten über ganz andere Summen, als die Zahl im Gutachten vermuten lässt.
Die drei Gründe, warum sie meist die schlechteste Option ist
- Erlösrisiko: Versteigerungen erzielen häufig deutlich weniger als ein gut vorbereiteter freier Verkauf — Bieter kalkulieren Abschläge ein, Besichtigungen sind eingeschränkt, die Käuferschicht ist kleiner. Dazu kommt die Mechanik oben: Im zweiten Termin greift keine der beiden Wertgrenzen mehr, und bestehenbleibende Grundpfandrechte drücken das Bargebot. Ist die Immobilie vermietet, kommt ein Sonderfall hinzu: Anders als bei der normalen Zwangsversteigerung hat der Ersteher kein Sonderkündigungsrecht (§ 183 ZVG schließt § 57a aus) — er übernimmt die Mietverträge, und das preisen Bieter ein.
- Kosten: Gericht, Gutachten und Gebühren (vierstellig) gehen vom Erlös ab — sie treffen also alle Miterben, auch den Antragsteller.
- Dauer: 1–2 Jahre, in denen die Immobilie oft leer steht, Kosten weiterlaufen und der Zustand sich verschlechtert.
Alternativen, die schneller oder lukrativer sind
| Alternative | Vorteil gegenüber der Versteigerung |
|---|---|
| Gemeinsamer freier Verkauf | Marktpreis statt Versteigerungserlös — fast immer das beste Gesamtergebnis |
| Übernahme gegen Abfindung | Immobilie bleibt in der Familie, Wert per Gutachten statt per Auktion |
| Eigenen Erbteil verkaufen | Nur Sie steigen aus — in Wochen, ohne Verfahren, die anderen behalten das Haus |
Welche Reihenfolge in Ihrer Konstellation sinnvoll ist, zeigt der Erbengemeinschafts-Lotse in drei Fragen. Den vollständigen Weg vom Schuldenausgleich bis zur Verteilung — inklusive der Ausgleichung für Pflege und der notariellen Vermittlung, die vor jedem Verfahren steht — beschreibt Erbengemeinschaft auflösen.
Häufige Fragen
Wer kann eine Teilungsversteigerung beantragen?
Wie lange dauert eine Teilungsversteigerung?
Muss das Grundbuch vorher auf die Erben umgeschrieben sein?
Kann der Ersteher die Mieter kündigen?
Was kostet das Verfahren?
Wird beim ersten Termin unter Wert verkauft?
Fallen die 5/10- und 7/10-Grenzen im zweiten Termin wirklich weg?
Bleibt die Grundschuld der Eltern bestehen?
Kann ich als Miterbe selbst mitbieten?
Ist der Streit mit dem Zuschlag beendet?
- Rechtsgrundlage: §§ 74a, 85a, 180–183 ZVG, § 2042 BGB — alle Beträge und Quoten für 2026 gegen den Gesetzestext geprüft
- § 180 ZVG im Wortlaut
- § 181 ZVG im Wortlaut
- § 182 ZVG – geringstes Gebot
- § 183 ZVG im Wortlaut
- § 74a ZVG – 7/10-Grenze
- § 85a ZVG – 5/10-Grenze
- Bürgerliches Gesetzbuch — Erbrecht im Wortlaut (gesetze-im-internet.de)
- Erbschaftsteuer- und Schenkungsteuergesetz im Wortlaut